Offener Brief der Stadträte der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat Magdeburg an die Kirchenleitung der evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Der Magdeburger Dom ist das wichtigste Wahrzeichen der Landeshauptstadt Magdeburg. Über die Jahrhunderte ist er nicht nur zur territorialen und geistlichen Mitte der Stadt, sondern auch zu einem Ort geworden, der Menschen Identifikation ermöglicht.

Der Magdeburger Dom ist ein sozialer Raum der Begegnung für Nichtchristen und Christen und er ist ein Ort der Besinnung und des Gebets. Die Gemeinde ist mit dem Dom unmittelbar verbunden. Ihre Mitglieder leben in der Mitte der Stadt kirchliches Leben. Dies bereichert das Miteinander aller Menschen in Magdeburg.

Die jüngsten Entwicklungen innerhalb der Magdeburger Domgemeinde rufen nicht nur bei den Gemeindemitgliedern, sondern bei vielen Magdeburgerinnen und Magdeburgern Fassungslosigkeit hervor. Besorgt folgen Christen und Nichtchristen den Ereignissen in der Domgemeinde, oder besser, dem, was davon nach außen dringt.

Was offen wahrnehmbar ist, ist die Demütigung des Dompredigers Giselher Quast. Wie die Kirchenleitung sich seine zukünftige Rolle innerhalb der Gemeinde vorstellt, ließ sich am Wochenende während der Zeremonie zur Wiederbeilegung von Königin Editha bereits gut beobachten. Herrn Quast kam dabei keinerlei Rolle mehr zu, er war von sämtlichen Handlungen ausgeschlossen und durfte nicht an der eigentlichen Beilegung teilnehmen.

Gleichzeitig zu beobachten ist eine Kirchenleitung, die die eigenen, harten Maßnahmen gegen den Domprediger nicht rechtfertigen kann. Die angeführten Begründungen sind nicht nur schwammig, sie wirken geradezu lächerlich und sind teilweise paradox. Dass dies den Beteiligten nicht selbst auffällt, verwundert uns.

Die Öffentlichkeitsarbeit der Kirchenleitung trägt nicht dazu bei, Vertrauen in ihre Entscheidungen zu fördern. Im Gegenteil, die nebulöse Informationspolitik erinnert eher an den Kommunikationsstil staatlicher Stellen in der DDR, denn an eine faire und offene Kirchenleitung, die mit ihren Angestellten verantwortungsvoll umgeht.

Es drängt sich der Eindruck auf, es würden vielmehr persönliche, denn dienstliche Konflikte ausgefochten. Es entsteht der Eindruck einer Machtdemonstration.

In solchen Situationen ist Führungsstärke gefragt. Doch wo ist die Stimme der ersten Dompredigerin, Bischöfin Junkermann? In diesem Konflikt hätte sie längst klar Stellung beziehen, hätte sich zum Fall ihres Kollegen Quast positionieren müssen. Schließlich geht es nicht um irgendeine x-beliebige Pfarrstelle, sondern um das geistliche Amt im Dom, das sich die oberste Repräsentantin der EKM mit dem Domprediger teilt. Ist der Konflikt zu unwichtig für die Bischöfin, oder möchte sie sich in den Streit in ihrer eigenen Gemeinde nicht einmischen? Beide Betrachtungsweisen wären absurd. Die Bischöfin steckt den Kopf in den Sand und berichtet lieber von Reisen in die Partnerdiözesen. Personelle, aber auch geistliche Führungskompetenz sieht anders aus.

Die von der Kirchenleitung beschlossenen Schritte sind nicht geeignet, eine Lösung im Konflikt herbeizuführen, im Gegenteil. In dem sie die von vielen Magdeburgerinnen und Magdeburgern hoch geschätzte Person des Dompredigers demütigen und seine Stellung innerhalb der Gemeinde herab setzen, provozieren sie eine Spaltung der Gemeinde. Es liegt in der Verantwortung der Kirchenleitung, diese Spaltung zu verhindern. Dazu gehört es auch, die eigene Position kritisch zu überdenken und Hardliner zu besänftigen.

Das Amt des Dompredigers ist mit einer besonderen Bedeutung versehen. Herr Quast ist dieser Bedeutung in seiner Amtszeit in vollem Umfang gerecht geworden. Zusammen mit anderen hat Giselher Quast den Menschen nicht nur während des Umbruchs 1989 Halt gegeben, sondern er tut dies bis heute, unter anderen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen. Seine Predigten ziehen viele Menschen in den Dom, auch Nichtchristen und Angehörige anderer Glaubensrichtungen.

Laut Aussage von Propst Hackbeil (in der Volksstimme vom 08.10.2010) liegen die Gründe für die nun angeordneten Maßnahmen „nicht im Verhalten von Bruder Quast“. Es gebe keine Verfehlungen.

Vor diesem Hintergrund ist eines klar: die getroffenen Entscheidungen, Herrn Quast auf eine andere und völlig einflusslose Stelle innerhalb der Domgemeinde zu versetzen, ihn aus der Pfarrwohnung ausziehen zu lassen, sowie ihn ein „Bewährungsjahr“ (was für ein demütigender Begriff nach 30-jähriger Amtszeit) durchlaufen zu lassen, sind nicht zu rechtfertigen.

Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit, der Gerechtigkeit und der Christlichkeit, dass sie schnellstens rückgängig gemacht werden.

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Reden